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Altes Testament

Klagelieder Kapitel 1

Die Bibel in deutscher Fassung (Jantzen-Jettel) · Oktober 2022

1Weh,1 wie sitzt einsam sie da, die [einst] volkreiche Stadt! Sie ist gleich einer Witwe geworden, die Große unter den Völkern. Die Fürstin über Provinzen ist fronpflichtig geworden.
2Sie weint und weint des Nachts, und ihre Tränen sind auf ihren Wangen. Sie hat keinen Tröster unter allen, die sie liebten. Es handelten treulos an ihr ihre Freunde, zu Feinden wurden sie ihr.
3Juda ist gefangen weggezogen aus Elend und schwerem Frondienst. Unter den Völkern wohnt sie, Ruhe findet sie nicht. Alle ihre Verfolger haben sie eingeholt mitten in der Bedrängnis.
4Die Wege Zions trauern, weil niemand da ist, der [einst] zum Fest kam. Alle ihre Tore sind verödet. Ihre Priester seufzen. Ihre Jungfrauen sind betrübt, und ihr selbst ist es bitter.
5Ihre Bedränger sind zum Haupt geworden, ihre Feinde sind in sorgloser Ruhe; denn Jahweh hat ihr Betrübnis zugefügt wegen der Menge ihrer Abtrünnigkeiten. Ihre Kinder zogen gefangen weg, vor dem Bedränger einher.
6So zog all ihre Pracht fort von der Tochter Zion. Ihre Obersten sind wie Hirsche geworden, die keine Weide finden, und kraftlos zogen sie dahin, vor dem Verfolger her.
7In den Tagen ihres Elends und ihrer Unrast2 gedenkt Jerusalem all ihrer Kostbarkeiten, die sie seit den Tagen der Vorzeit hatte, [nun], da ihr Volk in Feindeshand gefallen und kein Helfer da ist. Die Bedränger sahen zu, lachten über ihre Vernichtung.
8Schwer hat Jerusalem gesündigt, darum ist sie zum Abscheu3 geworden. Alle ihre Verehrer verachten sie, denn sie haben ihre Blöße gesehen. Auch sie selbst seufzt und wendet sich ab.
9Ihre Unreinheit ist an ihren Säumen. Ihr Ende hat sie nicht bedacht; so ist sie entsetzlich heruntergekommen. Keiner ist da, der sie tröstet. - Sieh du mein Elend an, Jahweh, denn der Feind macht sich groß! -
10Der Bedränger streckt seine Hand aus nach allen ihren Kostbarkeiten. Ja, sie musste mit ansehen, wie die Völker4 in ihr Heiligtum kamen, über die du geboten hattest, sie sollten dir nicht in die Versammlung kommen!
11Ihr ganzes Volk seufzt auf der Suche nach Brot. Sie geben ihre Kostbarkeiten für Speise, um die Seele zu erhalten5. - Sieh, Jahweh, und blicke her: Ja, eine Verachtete bin ich geworden!
12Rührt es euch nicht6, alle, die ihr des Weges zieht? Blickt her und seht, ob es einen Schmerz gibt wie meinen Schmerz, mit dem man mir <so> übel mitgespielt hat, mit dem Jahweh [mich] betrübt hat am Tag der Glut seines Zorns.
13Aus der Höhe sandte er Feuer, ließ es herniederfahren in meine Gebeine. Er spannte ein Netz meinen Füßen, trieb mich zurück, machte mich öde, siech den ganzen Tag.
14Angeschirrt ist das Joch meiner Vergehen7; durch seine Hand zusammengeflochten, sind sie mir auf den Nacken gekommen. Wankend gemacht hat er meine Kraft. Mein Herr gab mich in Hände, aus denen ich mich nicht zu erheben8 vermag.
15Alle meine Starken9 verwarf der Herr in meiner Mitte. Eine Festversammlung rief er gegen mich aus, um meine jungen Männer zu zerschmettern! Der Jungfrau, der Tochter Juda, hat der Herr die Kelter getreten!
16Darüber weint mein Auge sich aus, von Wasser überfließt mein Auge, denn ferne von mir ist ein Tröster, der meine Seele wiederherstellen10 könnte; verschmachtet11 sind meine Söhne, denn der Feind hat die Oberhand. -
17Zion breitet ihre Hände aus. Niemand ist da, der sie tröstet. Jahweh hat gegen Jakob entboten seine Bedränger ringsum. Unter ihnen ist Jerusalem zur Abscheulichkeit12 geworden. -
18Gerecht ist er, Jahweh. Ja, gegen seinen Mund war ich widerspenstig! O hört, alle Volksscharen, und seht meinen Schmerz! Meine Jungfrauen und meine jungen Männer sind in die Gefangenschaft gezogen.
19Ich rief nach meinen Liebhabern, [doch] sie, sie betrogen mich. Meine Priester und meine Ältesten sind umgekommen in der Stadt. Sie hatten Speise für sich gesucht, um ihre Seele zu erhalten.
20Sieh her, Jahweh, denn ich bin bedrängt. Meine Eingeweide glühen13, mein Herz dreht sich in mir um, dass ich <so> sehr widerspenstig war. Draußen macht kinderlos das Schwert, drinnen ist's wie der Tod.
21Sie haben gehört, wie ich seufze. Kein Tröster ist für mich da. Alle meine Feinde hören von meinem Unglück, freuen sich, dass du es getan hast. [Doch] bringst du den Tag14 herbei, den du ausriefst, ergeht es ihnen wie mir.
22Alle ihre Bosheit kommt <dann> vor dich! Tu ihnen <übel>, wie du mir <übel> getan hast wegen all meiner Abtrünnigkeiten; denn zahlreich sind meine Seufzer, und mein Herz ist siech. -

Fußnoten

  1. 1 Klgl 1 und 2 sind Akrosticha, je 22 Verse (je Sechszeiler; im Heb. Dreizeiler), bei denen die Anfangsbuchstaben der alphabetischen Reihenfolge entsprechen.
  2. 2 o.: ihrer Heimatlosigkeit; ihres Umherschweifens
  3. 3 o.: zur Befleckung
  4. 4 o.: die Heiden
  5. 5 o.: sich zu Kräften zu bringen; sich am Leben zu erhalten; w.: die Seele wiederkehren zu machen (o.: wiederherzustellen); so a. 1,16.19.
  6. 6 o.: Ist es nicht zu euch gedrungen
  7. 7 o.: Fest geknüpft ist das Joch meiner Abtrünnigkeit
  8. 8 eigtl.: <zu befreien und> zu erheben
  9. 9 o.: Recken; Tapferen
  10. 10 o.: zu Kräften bringen; eigtl.: wiederkehren machen
  11. 11 und vereinsamt
  12. 12 o.: zur Befleckung; zum Unflat
  13. 13 o.: brennen; brodeln; toben; Grundbed.: gären
  14. 14 d. h.: den Gerichtstag