Zum Inhalt springen

Altes Testament

Klagelieder Kapitel 4

Die Bibel in deutscher Fassung (Jantzen-Jettel) · Oktober 2022

1Weh1, wie ist das Gold dunkel geworden, [wie] ist das Feingold entstellt, hingeschüttet die Steine des Heiligtums2 an allen Ecken der Straßen!
2Die Söhne Zions, die kostbaren, aufgewogen mit gediegenem Gold, wie sind sie Tonkrügen gleichgeachtet, dem Gemachten von Töpferhänden!
3Selbst Schakale reichen die Brust, sie säugen ihre Jungen; die Tochter meines Volks ist grausam geworden wie die Strauße3 in der Wüste.
4Die Zunge des Säuglings klebt an seinem Gaumen vor Durst. Die Kinder fragen nach Brot, [doch] da ist keiner, der es ihnen bricht.
5Die [einst] Leckerbissen aßen, verschmachten auf den Straßen; die [einst] auf Scharlach4 getragen wurden, umarmen [nun] Misthaufen.
6Und die Schuld der Tochter meines Volks war größer als die Sünde Sodoms, das im Nu umgekehrt wurde, und es gab dort kein Händeringen5.
7Ihre Geweihten6 waren reiner als Schnee, weißer als Milch. Ihr Gebein7 war rosiger als Korallen, [wie] ein Saphir ihre Gestalt.
8Dunkler als Ruß ist [nun] ihr Aussehen. Man erkennt sie nicht auf den Straßen. Ihre Haut klebt8 an ihrem Gebein, ist ausgedörrt, ist geworden wie Holz.
9Vom Schwert Durchbohrte waren besser dran als vom Hunger Durchbohrte; sie, die verbluteten9, [besser] als die aus Mangel an Feldfrucht Zerstochenen.
10Die Hände weichherziger Frauen haben ihre eigenen Kinder gekocht! Sie wurden ihnen zur Speise beim Zusammenbruch der Tochter meines Volkes.
11Jahweh ließ seine Grimmglut austoben, die Glut seines Zorns goss er aus. Er entzündete ein Feuer in Zion, und es hat seine Grundfesten verzehrt.
12Die Könige der Erde hätten es nicht geglaubt, noch alle Bewohner des Festlands, dass Bedränger und Feind eindringen würden in Jerusalems Tore -
13wegen der Sünden seiner Propheten, [wegen] der Verschuldungen seiner Priester, die das Blut von Gerechten in ihrer Mitte vergossen.
14Sie wankten [wie] Blinde auf den Straßen, besudelt mit Blut, sodass man ihre Kleider nicht anrühren konnte.
15"Weicht!", "Unrein!", rief man ihnen zu. "Weicht! Weicht! Nicht anrühren!" Ja, sie mussten flüchten. Auch wankten sie. Man sagte unter den Völkern: "Sie dürfen sich [hier] nicht länger aufhalten!"
16Das Angesicht Jahwehs hat sie zerstreut10. Er blickt sie nicht wieder an. Man nahm keine Rücksicht auf Priester11, Greisen erzeigte man keine Gnade.
17Noch [immer] verzehren sich unsere Augen [auf der Suche] nach Hilfe für uns. Umsonst!12 Auf unserer Warte halten wir Ausschau nach einem Volk*, das nicht helfen kann13.
18Man macht Jagd auf unsere Schritte, dass wir auf unseren Plätzen nicht gehen können. Unser Ende ist nahe. Erfüllt sind unsere Tage. Ja, unser Ende ist gekommen.
19Unsere Verfolger waren flinker als die Adler14 der Himmel. Auf den Bergen hetzten sie uns, in der Wüste lauerten sie uns auf.
20Jahwehs Gesalbter, unser Lebensodem15, wurde in ihren Fallgruben gefangen, [er], von dem wir gesagt hatten: "In seinem Schatten werden wir leben unter den Völkern."
21Sei [nur] fröhlich und freue dich, Tochter Edom, die du wohnst im Land Uz! Auch an dich wird der Becher kommen. Trunken wirst du sein. Entblößen wirst du dich!
22Dahin ist <dann> deine Schuld, Tochter Zion; er wird dich nicht mehr gefangen wegführen! [Doch] deine Schuld, Tochter Edom, sucht er heim, deine Sünden deckt er [nun] auf!

Fußnoten

  1. 1 Die Anfangsbuchstaben der V. 1-22 sind akrostisch angeordnet. Jeder Vers ist ein Vierzeiler (im Heb.: Zweizeiler).
  2. 2 o.: die heiligen Steine
  3. 3 Das Wort kommt nur hier vor; Bed. nicht gesichert.
  4. 4 o.: auf Karmesin
  5. 5 eigtl.: und nicht wirbelten Hände in ihr (d. i.: in der Stadt).
  6. 6 o.: Nasiräer (4Mo 6,2)
  7. 7 hier i. S. v.: ihr Leib
  8. 8 eigtl.: ist runzliggeschrumpft
  9. 9 eigtl.: zerflossen; dahingeflossen
  10. 10 o.: zerteilt; o.: verteilt.
  11. 11 eigtl.: Das Angesicht der Priester hat man nicht erhoben
  12. 12 eigtl.: Dunst! o.: Nichtigkeit!
  13. 13 o.: retten kann; o.: helfen wird.
  14. 14 Mit "Adler" ist in der Bibel wahrsch. zumeist der Gänsegeier gemeint, selten der eigentliche Adler.
  15. 15 w.: der Odem (o.: Lebensgeist; Lebenshauch) unserer Nase